Ein Jahr ist es her, seit wir ausgewandert sind.
Wie geht es uns? Was hat sich verändert? Und wie geht es weiter?
Ende Juli 2024 haben wir die Schweiz verlassen – unsere Heimat, unsere Sicherheit, unser gewohntes Leben. Wir wissen noch genau, wie es war: so viele liebe Freunde und Verwandte standen am Flughafen, mit Fahnen, Plakaten und Tränen. Es war einer der emotionalsten Tage unseres Lebens.
Wir haben nicht nur unsere Jobs und unser Zuhause zurückgelassen, sondern auch einen grossen Teil von uns selbst – unsere Wurzeln, unsere Geschichte, alles Vertraute. Ich musste zudem eines meiner Pferde zurücklassen, was mir das Herz gebrochen hat. Marc gab seine Arbeit als Betriebsleiter bei der Nordic Arena in Kandersteg auf, ich meine Selbstständigkeit als Pferdetrainerin und meine Arbeit bei der Polizei. Wir sind losgezogen mit nichts als einem grossen Traum – und einer Portion Mut, die grösser war als unsere Angst.
Fotos: Am Flughafen, Ankunft auf der Ranch
Von null anfangen – Schritt für Schritt Fuss fassen
Die ersten Wochen in Colorado waren wie ein Sprung ins kalte Wasser.
Wir fühlten uns wie Kinder, die neu laufen lernen – alles war anders.
Kein Auto ohne Bankkonto, kein Bankkonto ohne Social Security Number, keine Social Security Number ohne festen Wohnsitz … ein endloser Kreis.
Doch wir hatten Glück. Die Ranchbesitzer nahmen uns herzlich auf und halfen uns, Schritt für Schritt Fuss zu fassen in diesem neuen Leben.
Inzwischen leben wir in unserem eigenen kleinen Häuschen auf Rädern – mitten auf einer Ranch, umgeben vom National Forest, immer noch auf derselben Ranch, auf der alles begonnen hat. Wir sehen von hier aus die Pferdeweiden, die Berge – und nachts Millionen Sterne. Wir hören am Abend die Kojoten heulen anstatt Autos auf der Strasse, und im Herbst die Hirsche in der Paarungszeit anstatt Nachbarlärm.
Es ist anders – und wunderschön.
Wildland Horsemanship, Mustangs & neue Projekte
Ich habe inzwischen zwei Mustangs, Oz und Little Debbie, in Ausbildung – beide sind Teil meines Trainerprogramms, das ich letztes Jahr gestartet habe. Studentinnen aus verschiedenen Ländern kamen hierher, um mit mir zu lernen, Pferde zu verstehen, ihre Sprache zu sprechen, Vertrauen aufzubauen.
Es ist jedes Mal bewegend zu sehen, wie tief Pferdetraining gehen kann – wie viel es über uns selbst zeigt. Little Debbie zum Beispiel hat Lisa-Marie aus Mallorca nicht nur reittechnisch gefordert, sondern ihr auch unglaublich viel über sich selbst beigebracht. Solche Momente machen meine Arbeit aus.
Marc ist unterdessen fleissig daran, Nature`s Haven – unsere Hochzeitslocation auf der Ranch – weiterzubringen. Gemeinsam versuchen wir, unsere beiden Projekte zum Laufen zu bringen: Wildland Horsemanship und Nature`s Haven Events. Sie sind nicht nur unser Lebensunterhalt, sondern auch Teil unseres Investorenvisums, das alle vier Jahre erneuert wird.
Es ist viel Verantwortung – aber es fühlt sich richtig an.
Fotos: Hochzeitsvenue, Lisa-Marie bei der Arbeit mit ihrem Mustang, Familie Schatt zu Besuch
Verluste, Umbrüche und das Leben dazwischen
Dieses Jahr war nicht nur leicht. Wir mussten uns von unserer geliebten Katze verabschieden – meinem kleinen Seelengefährten, der mich über 18 Jahre lang begleitet hat. Sein Verlust hat ein grosses Loch hinterlassen.
Marc hat sich zwischenzeitlich überarbeitet, aber es geht ihm wieder gut – und wir sind dankbar für alles, was wir hier zusammen erleben dürfen.
Mittlerweile haben wir wieder eine junge Katze – Marshmallow, eine einjährige Savannah-Katze, die hier ganz viel Leben ins Haus gebracht hat.
Und weil sie so verspielt ist und unsere ältere Katze Loulou, die alte Dame, nicht mehr mitmachen mag, haben wir uns entschieden, ihr einen Spielgefährten zu holen. Übermorgen holen wir den kleinen Kater ab – eine zweite junge Savannah-Katze. Wir freuen uns riesig darauf, dass die beiden zusammen aufwachsen und spielen können.
Fotos: Marshmallow & Loulou, Mirjam & Romeo, unser Tinyhome unterwegs zur Ranch
Leben in der Weite – Freiheit pur
Wir leben hier umgeben von Wald und Bergen.
Wenn wir morgens vor die Türe treten, sehen wir Pferde statt Verkehr.
Wir haben Zugang zu endlosen Trails, zu Stille, Raum und Weite. Diese Natur ist kaum zu beschreiben für jemanden, der sie nie erlebt hat – es ist Freiheit pur.
Natürlich vermissen wir Familie und Freunde – dieses spontane „Lass uns kurz treffen“ gibt es hier nicht. Doch wir holen die Welt zu uns: Im Sommer ist hier viel los mit Gästen, Lernenden, Reitbegeisterten aus aller Welt.
Ich hatte am Anfang Mühe mit der Ruhe – in der Schweiz war ich ständig unterwegs, mit mehreren Jobs und Projekten gleichzeitig. Hier habe ich gelernt, langsamer zu werden. Auch wenn’s nicht immer einfach war, ist genau das eines der grössten Geschenke, die mir dieses Land gemacht hat.
Fotos: Marc & Romeo, Laurent vom SRF, Lisa-Marie bei einer Wanderung
Für alle, die sich fragen …
Für alle, die sich fragen, wann wir denn im SRF „Auf und davon“ zu sehen sind:
Das wird im Januar 2026 der Fall sein – also eigentlich schon bald!
Wir freuen uns riesig darauf, euch dann ein Stück unserer Reise und unseres Alltags hier in Colorado zeigen zu dürfen.
Rückblick & Ausblick
Wenn ich heute zurückblicke, weiss ich: Wir haben das Richtige getan.
Wir bereuen keinen einzigen Tag.
Dieses Jahr hat uns vieles gelehrt – Geduld, Vertrauen und Durchhaltevermögen.
Wir haben gelernt, loszulassen, wenn Pläne nicht aufgehen, und trotzdem weiterzugehen.
Wir haben gelernt, dass Erfolg nicht heisst, dass alles einfach ist – sondern dass man dranbleibt, auch wenn’s schwierig wird.
Wir lieben dieses Land – die Natur, die Tiere, die Freiheit.
Und wir setzen alles daran, dass wir hier weiter unseren Weg gehen dürfen.
Ich bin heute an dem Punkt, wo das Ziel wichtiger ist als wo es ist.
Wir haben eine Vision, ja – unseren eigenen Ort, an dem Menschen und Pferde zusammenkommen, wo man lernen, zur Ruhe kommen und wachsen darf.
Aber ob dieser Ort in Colorado, Kanada oder irgendwo anders ist – das Leben wird es zeigen.
Wichtig ist nur, dass man überhaupt losgeht.
Wir wussten – und genauso ist es gekommen:
Egal, was du im Leben tust, es ist immer der erste Schritt, der zählt.
Der erste Schritt ins Neue. Der erste Schritt ins Gehen.
Alles andere kommt sowieso immer anders, als man denkt.
Natürlich braucht es Vorbereitung, Planung und Mut – aber am Ende zählt der Moment, in dem man einfach sagt: „Jetzt.“
Oder wie Mark Twain es einmal sagte:
“The secret of getting ahead is getting started.”
Und genau das haben wir getan.
Mit viel Liebe aus Colorado
Mirjam & Marc
und all unsere Tiere 🐴🐾
Fotos: Wunderschöner Herbst, Lukas unser Schweizer-Freund. Er hat unser Tinyhome gebaut, Mirjam & Mustang OZ, Lisa-Marie, Sabrina & Jaqueline, SRF-Team
